Ausstellung
AMNESIE
11. September bis 25. Oktober 2009
Jan Brokof, Sven Johne, Alexej Meschtschanow, Regine Müller-Waldeck
Die Ausstellung wurde kuratiert von Britt Schlehahn

»Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.«
Christa Wolf: Kindheitsmuster, Berlin und Weimar 1976, S. 9
Finissage Sonntag, 25. Oktober 2009, 15 Uhr
Amnesie beschreibt eine Gedächtnisstörung sowohl für zeitliche als auch inhaltliche Erinnerungen.
Der Verlust löscht aus. Es entstehen neue Perspektiven, Geschichten setzen sich neu zusammen,
Erinnerungen müssen neu gelernt werden. Eigenes wandelt sich in Fremdes und umgekehrt.
Blinde Flecken ergeben sich.
Geschichte – ob individuelle oder kollektive – besteht aus einer Vielzahl an blinden Flecken,
die bedacht oder unbedacht Leerstellen markieren. Es stellt sich die Frage, ob Leere ein Verlust
oder ein Gewinn ist? Hilft Amnesie, um sich in neuen Situationen einzurichten?
Zeitgleich mit der politischen Wende in Osteuropa etabliert sich innerhalb der Kulturwissenschaften
eine transdisziplinär angelegte Erinnerungsforschung, die Künste und Wissenschaft miteinander verbindet.
Sie fragt nach Speichervorgängen beziehungsweise Archivierung von Erinnerungen. Welche Formen treten auf?
Wie verlaufen Erinnerungs- und Vergessensprozesse?
Kunst stellt dabei eine ganz besondere Form des Umganges mit Vergangenheit dar, denn sie vereint
individuelle, lebendige Erinnerungsprozesse mit kollektiven, institutionellen Erinnerungen.
Sie kann Fragen nach gesteuerter Erinnerungs- und Vergessenspolitik sinnlich erlebbar stellen
und damit das etablierte kulturelle Gedächtnis und dessen Ordnungssysteme durch Behauptungen irritieren.

Die Ausstellung

Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler der Jahrgänge 1964 bis 1977 setzten sich in ihren bisherigen Arbeiten sehr intensiv mit den unterschiedlichsten Formen der Spurensuche auseinander. Die politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen nach 1989 sensibilisierten gegenüber unterschiedlichen Verfahrensweisen und Formen von Erinnerung und Vergessen.
Die Ausstellung lenkt den Blick auf das vielschichtige Spektrum an mentalen und räumlichen Verarbeitungsmöglichkeiten von Geschichte und Geschichten, Archivierungsmethoden und Wunschbildern.
JAN BROKOF geb. 1977 in Schwedt/ Oder, Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, Meisterschülerstudium bei Prof. Ralf Kerbach, lebt und arbeitet in Dresden und Berlin
→ Ostern/ Western, 2009, 16 Zeichnungen je 29,5 x 21 cm
→ Auflauf, 2009, 150 x 150 x 50 cm
SVEN JOHNE geb. 1976 in Bergen auf Rügen, Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Fachklasse Fotografie sowie Meisterschülerstudium bei Prof. Timm Rautert, lebt und arbeitet in Berlin
→ Message in a bottle – seven observations of helplessness (# 7), 2008, S/W-Fotografie, Siebdruck, Bromsilbergelatine je 55 x 26,5 cm
ALEXEJ MESCHTSCHANOW geb. 1973 in Kiew, Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Fachbereich Fotografie, Meisterschülerstudium bei Prof. Timm Rautert, lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin
→ Rudolf Lutz in einem dadaistisch beklebten Frauenkostüm, 2009, S/W-Fotografie, Glas, Stahlrohr, 104 x 119 x 32 cm
→ Babai, 2009, S/W-Fotografie, Glas, Stahlrohr, Lack
→ Das Rätsel der Sphinx, 2009, S/W-Fotografie, Glas, Stahlrohr, Lack
REGINE MÜLLER-WALDECK geb. 1975 in Greifswald, Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in den Fachbereichen Medienkunst und bildende Kunst, Meisterschülerstudium im Fachbereich Fotografie, lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin
→ Falle, 2008, Holz, Wachs, Metall, Lack, 260 x 120 x 80 cm

Das Programm
1. September bis 9. November 2009
»Wettbewerb für ein Wendedenkmal in Leipzig«
In Kooperation mit »kreuzer- Das Leipzig Magazin« und Centraltheater Leipzig/ Skala
[Prämierung Jury- und Publikumspreis am 2. Dezember 2009, 20 Uhr]
Wendedenkmal- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
19. September 2009, Samstag, 14 Uhr
Stadtwanderung
Treffpunkt: Straßenbahnhof Angerbrücke
»Alltägliche Erinnerungskomplexe«
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8. Oktober 2009, Donnerstag, 19 Uhr
Gespräch: »Reinszenierung und Rekonstruktion«
in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig
Körperbewegungen und Raumerfahrungen prägen neben visuellen Zeugnissen die Erinnerung sehr nachhaltig. Der Salon beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Rekonstruktion und dem Verhältnis von Authentizität und Wiederaufführung, die nicht nur die flüchtige, alltägliche Geste betreffen, sondern im Tanz, bei Performances und auch im Wiederaufbau historischer Baumasse existieren.
Gäste: Dr. Arnold Bartetzky [Universität Leipzig, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas] Prof. Dr. Barbara Büscher [Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig, Institut für Dramaturgie] Dr. Franz Anton Cramer [Hochschulübergreifendes Tanz-Zentrum/ Universität der Künste Berlin]
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Samstag, 10. Oktober 2009: 14 Uhr Stadtwanderung
»Amnesie im Raum«
Treffpunkt Kunstverein, Kolonnadenstr. 6, 04019 Leipzig Geschichte lagert sich im öffentlichen Raum ab. Bildprogramme vergangener Epochen wirken dabei bis in die Gegenwart. Orte werden umgewidmet und sollen dadurch eine neue Bedeutung erhalten. Die Stadtwanderung führt durch die Leipziger Innenstadt zu sichtbaren Orten, deren Geschichte allerdings gern verdrängt und verschwiegen wird.
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Donnerstag, 15. Oktober 2009, 20 Uhr Skala
»AMNESIE aber wie?«
»little red (play): herstory« andcompany/ Nicola Nord [Frankfurt/ Main] im Anschluss Künstlergespräch mit Bini Adamczak, Jan Brokof, Francis Hunger und Alexander Karschina
Die Theatermacherin und Performerin Nicola Nord trug 2006 in ihrer Performance »little red (play): herstory« Material zur deutsch-deutschen Geschichte zusammen und konzipierte daraus ein Bühnenstück. Dieses setzt sich sehr spielerisch mit der Suche nach politischen Utopien auseinander. Dazu gehören auch Interviews mit Mitgliedern der DKP zur Wende in der DDR. Was ist aus ihrem Glauben an die DDR als besseres Deutschland geblieben? Künstler/innen der AMNESIE-Ausstellung thematisieren ebenfalls das ambivalente Verhältnis von Verlust und Gewinn unterschiedlichster Utopien. Wie nähern sich Künstler/innen unterschiedlicher Kunstgattungen einem so komplexen Thema wie der politischen Wende?
In Kooperation mit DEUTSCHE GESCHICHTEN Theaterfestival in Leipzig und Düsseldorf.
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Donnerstag, 29. Oktober 2009: 20 Uhr Film und Gespräch, Skala
»Wie viele Geschichten wollen wir vergessen?«
Christian Jankowski »Haus des Ostens« [2000] Susan Baumgartl »[Un-]Ordnung der Erinnerung: Offizielle und subjektive Deutungen zum Herbst 1989 in Leipzig« Die Aufführung des Films »Haus des Ostens« von Christian Jankowski findet im Zusammenhang mit einem Gespräch zu Rekonstruktion und Vermittlung von Erinnerungen statt. Eingeladen ist Susan Baumgartl, die zum Thema »Erinnerungskultur und Geschichtspolitik nach der Wiedervereinigung. Der Ort der DDR in der deutschen Geschichtserinnerung« promoviert. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen Interviews zu den Ereignissen im Herbst 1989. Dabei stellt sie institutionalisierte Vergangenheitsaufarbeitung neben private Erinnerungen von Akteuren der politischen Wende. Wie viele Möglichkeiten der Erzählungen existieren zu einem konkreten historischen Ereignis?

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Amnesie – Faltblatt










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